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Die Stimme der Vernunft

Ein Text von Nina Schöllhorn | Tierärztin

Seit 17 Jahren manövriere ich nun schon in Rumänien. Keine leichte Aufgabe in vielerlei Hinsicht. Als empathischer Mensch hier nicht unterzugehen, erfordert einiges an Abgrenzungsvermögen und klarer Sicht. Wer nicht streng den Fokus hält, verliert sich schnell im Retten von Einzelschicksalen und gerät damit leicht in eine persönliche Schieflage und reißt damit womöglich all seine Schützlinge mit sich. Ich verstehe jeden in diesem Land, der zu viele Tiere aufnimmt und sich selbst überfordert. Seit Anbeginn meiner Tätigkeit begegnete ich zahllosen Beispielen von menschlicher Überforderung im Retten von Leben. Ebenso zahlreich meine Besuche in überfüllten Tierheimen, die weder ein lebenswerter Ort für die Insassen, noch eine Lösung des Problems boten. So stand für mich immer fest, wie wichtig es ist, einen klaren Kopf zu bewahren und den Fokus auf den Kastrationen zu halten, die, wie schon so oft erwähnt, der einzige Weg sind, hier etwas zu ändern.

Dies also die Einführung und in etwa das, was ich jedem, der uns hier besucht ans Herz lege. Denn so traurig es ist, wir können nicht jedes Tier retten. Jeder der hier eine Zeit lang mit uns lebt, muss irgendwie mit dieser harten Tatsache klarkommen.

Ich bin als meiner stark ausgebildeten Stimme der Vernunft sehr dankbar, dass sie so gut funktioniert. Ich denke, ohne sie wäre ich schon lange nicht mehr hier.

Nun zur praktischen Umsetzung: Wenige Minuten von unserem Haus entfernt, befindet sich einer der vielen Plätze, an denen illegal Müll einfach in der Natur abgeladen wird. Lieder nicht nur Müll, sondern auch Hunde. Wir kümmern uns also um diese Gruppe von Hunden, indem wir kastrieren, Antiparasitika verteilen und füttern. Eines Morgens sitzt ein winziger Welpe dort. Viel kleiner als alle anderen, mit denkbar sehr schlechten Chancen. Der Impuls ist natürlich, den kleinen Kerl sofort mitzunehmen. Sofort beginne ich, meinen Helfern aus Deutschland die Hintergründe zu erläutern, wie bereits oben ausgeführt. Zudem ist die Aufnahme kleiner Welpen eine besondere Herausforderung, denn sie bringen oft Infektionskrankheiten mit, müssen daher zunächst isoliert werden und erfordern vor allem, wenn sie dann krank werden, sehr viel Arbeit und Nervenstärke. Die Stimme der Vernunft spricht klar und deutlich. Ich kann mich besser abgrenzen, durch meine vielen Jahre hier und mir tut es manchmal leid, für Besucher, die zum ersten Mal mit solch einer Situation zu tun haben. 

Der Plan ist also, auch diesem Baby mit Futter und Entwurmung so gut es eben möglich ist zu helfen. Wohlwissend, dass im nahen Umkreis sehr viele solcher Stellen, mit vielen weiteren kleinen Welpen sind, die wir unmöglich alle aufnehmen können.

Die Tage werden wärmer, die schlimmsten Monate des Jahres sind vorbei für die Hunde auf der Straße, sagt die Stimme der Vernunft. Jeden Tag besuchen wir also unser Grüppchen, das innerhalb von nur drei Tagen um bereits zwei weitere Hunde erweitert wird, die dort ausgesetzt werden. „Fokus halten, kastrieren!“ sagt die Stimme der Vernunft. Jeden Tag sitzt der kleine Welpe genau auf derselben Plastiktüte und wartet. Es gibt dort keinerlei Witterungsschutz. Ich versuche diesen Gedanken bei Seite zu schieben. Fokus halten…

Dann wache ich auf. Es ist 6.30 und ich sehe Schnee. Keiner hatte damit gerechnet, doch in der Nacht war ein Schnee- und Hagelsturm hereingebrochen. Alles ist bedeckt von Schnee- und Hagelkörnern. Ich springe ins Auto, nehme mir nicht mal Zeit mich umzuziehen. Mein Herz klopft wie wild und meine Kehle schnürt sich zu. Ich bin so voll Sorge um dieses kleine Wesen! Da wird mir klar, dass jetzt eine andere Stimme zu mir spricht: Es ist die Stimme des Herzens.

Ich komme an dem Haufen Müll an und weit und breit ist kein Hund zu sehen, die Plastiktüte ist verlassen. Ich mache mir schreckliche Vorwürfe. Ein ganzes Stück entfernt ist eine Brücke und ich habe die Hoffnung, dass sich die größeren Welpen dorthin zurückgezogen haben. Doch der winzige Welpe? Ich erreiche die Brücke und da liegen sie alle zusammen, auch das kleine Baby!

Was für ein emotionaler Moment! Ich bin unglaublich erleichtert und wahnsinnig stolz auf „meine Kleinen“. Wie intelligent sie doch sind, die Rumänien! Solch kleine Überlebenskünstler und in der Lage den härtesten Bedingungen entgegenzutreten. Wie schafft es ein sieben Wochen alter Welpe, den Ernst der Lage zu erkennen und sein Schicksal in die eigenen Pfoten zu nehmen und loszulaufen, ohne zu wissen wohin? Und eben doch zu wissen wohin! Wir sollten diese Hunde niemals unterschätzen!!!

Das kleine Etwas ist völlig durchnässt und durchgefroren. Ich wickle sie in ein Handtuch, packe sie ins Auto und bin froh. Es ist still, die Stimme der Vernunft schweigt. Diesmal hat die Stimme des Herzens gewonnen und ich muss lächeln. Und ein paar Tränen verdrücken, als mir dies bewusst wird. 

Ich bin froh, auch diese Stimme in mir zu haben. Ich brauche sie beide gleichermaßen in diesem Land. Sie beschützen mich, meine Projekte und helfen mir so, möglichst vielen Tieren helfen zu können.

Unsere kleine tapfere Überlebenskünstlerin hat ihre Quarantäne gut überstanden und während ich hier sitze und schreibe, tollte sie mit einem bunten Grüppchen aus geretteten Hunden zu meinen Füßen durchs Gras. Ich hoffe sie findet ein schönes Zuhause in ihren Reihen, denn wann immer hier ein Plätzchen frei wird, darf die Stimme des Herzens ein wenig lauter werden. 

Ich danke Ihnen, wie immer, dass ich dank Ihrer Unterstützung, diese Arbeit hier machen kann.

Nina Schöllhorn