Houdini - ein Welpe und sein Schicksal

Ein Bericht von Nina Schöllhorn, Tierärztin

Wir befinden uns in einem der zahllosen Tierheime in Rumänien. Wir wurden um Hilfe gebeten, da die Situation in verschiedener Hinsicht problematisch ist. Als wir durch die Zwingerreihen laufen, versuchen wir möglichst alles schnell zu erfassen, was verbessert werden muss, bzw. kann. Unser Blick fällt auch auf die Welpen. Das übliche: viel zu viele Welpen, auf viel zu kleinem Raum. Ungeeignetes Futter, Durchfall, kranke und schwache Tiere inmitten der stärkeren gesunden, eine deprimierende Situation, an der auch so schnell nichts geändert werden kann.

Man möchte schnell den Blick abwenden, von diesen kleinen Wesen, die allesamt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überleben werden. Wir gehen weiter zu den großen Hunden, auch hier Überbesetzung, Aggression, gesundheitliche Probleme. Ich drehe mich um und traue meinen Augen nicht. Ein Winzling steht vor mir, kaum eine Handvoll Hund. Er hatte sich aus dem Welpenzwinger befreit und folgte uns durchs ganze Tierheim. Er lief durch das Rudel sich auf dem Gelände frei bewegender Hunde und auch durch die Zwingerreihen voll bellender Hunde. Nun steht er vor mir und schaut direkt in meine Augen.

Er ist ein Häufchen Elend, abgemagert bis auf die Knochen, ganz kahl und offensichtlich sehr schwach. Warum er uns gefolgt ist? Ich möchte nichts überinterpretieren, aber irgendwie ist dieser Moment sehr symbolisch: Der kleine Kerl möchte gesehen werden! Über eine undefinierbare Masse an Welpen hinwegzusehen ist einfacher als über zwei Augen, die einen nicht loslassen. Was will er mir sagen?
Er will leben! Er kämpft, so schwach er auch ist. Er hat nur dieses eine Leben. Und nicht nur er, all diese Wesen, die gerade erst geboren sind, sie möchten leben. Sie sind klein und sie sind viele, doch sie alle sind einzigartig und haben das Recht auf Leben.

Den ganzen Tag bin ich - während ich arbeite - in Gedanken bei diesem Kerlchen. Er hat unter den vorherrschenden Bedingungen keinerlei Chance zu überleben. Aber selbst wenn ich ihn mit mir nehmen würde, sind seine Chancen gering. Zumal er Kontakt mit Parvovirose hatte und ich kein Risiko eingehen kann, diese bei mir Zuhause einzuschleppen. Am nächsten Tag möchte der Kleine nicht fressen, er ist sehr schwach und es sieht gar nicht gut für ihn aus. Als wir abends unsere Sachen zusammenpacken, richte ich automatisch eine Transportbox her und nicht nur unser Kleiner, sondern auch seine drei Freunde, die ebenso elend aussehen wie er, nehmen Platz.

Manchmal schreit das Herz so laut, dass der Verstand nicht mehr gehört werden kann.
Es gab in diesem Moment keine andere Möglichkeit mich zu entscheiden. Ich konnte dieses kleine Wesen nicht im Stich lassen! Wenn er tatsächlich sterben muss, dann soll er dabei nicht allein sein. Er soll außerdem einen Namen bekommen: Houdini.

Im vollen Bewusstsein, was an Arbeit und Sorgen auf mich zukommen wird, errichte ich zu Hause eine improvisierte Quarantäne. Die nächsten Tage sind ein Zitterspiel, alle vier Welpen sind sehr schwach, Durchfall, Erbrechen, Apathie - das Übliche. Wir bangen und hoffen. Keiner wagt, daran zu glauben, dass sie es alle schaffen könnten. Doch langsam geht es tatsächlich aufwärts. Tag für Tag werden sie munterer, etwas kräftiger und die Hoffnung steigt.

Als die Inkubationszeit der Parvovirose überschritten ist, sind wir sehr erleichtert. Trotzdem sind sie weiterhin kränklich, haben schwer mit extremem Wurmbefall und Räude zu kämpfen. Als dies überstanden ist, folgen Giardien und Haarlinge. Doch plötzlich machen sie nach ca. 3 Wochen einen Schub. Das Fell wächst rasant nach, sie wachsen und nehmen Form an. Was für eine Freude und Erleichterung! Als sie auch die erste Impfung überstanden haben ist klar: Sie haben es geschafft! Alle Mühe war es wert und wir sind mächtig stolz.

Aus unseren vier Sorgenkindern sind glückliche, gesunde Welpen geworden. Sie alle haben wunderbare Familien gefunden und haben ein sorgenfreies Leben vor sich.
Houdini blieb von Anfang an und bis jetzt etwas Besonderes. Er war mit Abstand der Kleinste und Schwächste von allen. Sehr lange schwächelte er, doch niemals ließ er sich unterkriegen. Auch wenn er stets der Langsamste war, die anderen ihn umrannten und vom Futter wegschubsen wollten - er ließ sich nie beirren. Er ging weiter seinen Weg voll Mut und immer voll guter Laune. Houdini ruht in sich, er strahlt Glück und Lebensfreude aus, jeder der ihn sieht, muss lächeln und man will ihn an sich drücken.

Ja, Houdini ist tatsächlich der süßeste Welpe, der mir jemals begegnet ist und es macht mich sehr stolz, was aus ihm geworden ist. Er hat gekämpft - für sich und seine Freunde - und ich bin mir sicher, auch für all die vielen dort draußen, die nicht gesehen werden und keine Chance bekommen.
Es ist eine Flut an kleinen Geschöpfen, die geboren werden und keine Chance bekommen. Es sind nicht nur jene, die in den unzähligen Tierheimen im ganzen Land, aber selbstverständlich auch in vielen, vielen anderen Ländern, nur sehr unzureichende Bedingungen vorfinden, die es ihnen unmöglich machen zu überleben. Es sind auch all jene, die von den Besitzern der Mütter im gnädigsten Falle noch direkt umgebracht werden, denn auf all diejenigen, die irgendwo ausgesetzt werden wartet ein qualvolleres Ende.

In Ländern wie Rumänien wird es fast schon als Normalität hingenommen: Welpen sterben, viele von ihnen, nur wenige überleben. So war es immer und so ist es. Doch dies ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und ich will dies nicht so hinnehmen. Jedes geborene Leben soll auf dieser Erde seinen Platz finden, wo es geschätzt wird und glücklich leben kann!
Ich hoffe Houdini eine angemessene Stimme verliehen zu haben und werde für ihn und all die Namenlosen weiterhin kämpfen. Aufklärung steht an oberster Stelle gemeinsam mit der Kastration so vieler Tiere wie möglich!
Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie unsere Arbeit in Rumänien unterstützen!

Ihre Nina Schöllhorn