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Kenai

Ein Text von Nina Schöllhorn | Tierärztin

Kenai lebt nun schon einige Monate in Sicherheit. Doch immer, wenn ich an seinem Auslauf vorbei gehe, schauen mich weit aufgerissene Augen aus seiner Hundehütte an. Seine Körperhaltung ist gebeugt, sehr unterwürfig und er wendet schnell den Kopf ab. Es geht eine große Traurigkeit von ihm aus, eine Hoffnungslosigkeit.

Was ist mit ihm passiert? Kenai ist kein typischer Angsthund, der nie Kontakt zum Menschen hatte. Er rennt nicht in Panik vor uns weg. Kenai ist auch in keiner Weise aggressiv. Kenai ist eingefroren, er befindet sich im freeze mode und man meint in seinen Augen noch immer das Entsetzen über das zu sehen, was ihm widerfahren ist. Was ist also seine Geschichte?

Kenai begegneten wir in einer der vielen Auffangstationen Rumäniens, die durch ihre katastrophalen Zustände bereits traurige Berühmtheit erlangt haben.

Damals war er noch namenlos, nur eine Nummer, wie all die anderen auch. Seine ganze Erscheinung war derart armseelig, dass es einem die Kehle zuschnürte. Extrem abgemagert, verdrecktes Fell, eine Körperhaltung, die nichts als Angst, Unwohlsein und Verzweiflung ausdrückte. Doch nicht nur das, er litt bereits seit langem unter einer nicht behandelten Verletzung am Bein, die fistelte und ihm große Probleme bereitete. Wir können nicht alle retten und alle Hunde, an denen wir an diesem Tag vorbei gingen, hätte unsere Hilfe ebenfalls gebraucht. Doch manch einer bleibt einem im Kopf und lässt einem keine Ruhe mehr, so auch Kenai…

So kam Kenai zu uns. Unser Start war nicht der Beste, sagen wir mal so. Ich übernahm ihn eingequetscht in eine kleine Box und absolut in Panik. So hatte ich ihn im Shelter nicht erlebt, dort war er eingefroren und lies alles über sich ergehen. Nun aber schien er bereit um sein Leben zu kämpfen. Ich ahne den Grund und kurz darauf bestätigt sich mein Verdacht. Die Hundefänger hatten ihn aus dem Shelter gebracht und mit dem Fangstab über den Gehsteig geschleift und in die Box gequetscht. Leider wird dies nicht das einzige Mal gewesen sein, dass Kenai so behandelt wurde. Dieses Hilfsmittel ist mir schon immer ein großer Dorn im Auge. Es gibt wenige Momente, in denen ein solcher Stab mit Schlinge wirklich zum Einsatz kommen muss und sinnvoll ist. Auch gibt es dann die Möglichkeit, dies möglichst kurz und schonend zu tun. In vielen Sheltern werden aber die allermeisten Hunde damit gehandelt, ob nötig oder nicht. Was es mit einem Tier macht, gewürgt zu werden, bis einem die Luft wegbleibt, scheint sich keine der ausführenden Personen zu überlegen. Diese Hunde erleiden Todesangst!

Immer wieder haben wir es mit Hunden zu tun, die bei Zug auf den Halsbereich in absolute Panik verfallen. Manche Hunde können auch nach einer glücklichen Vermittlung noch jahrelang keinen Zug auf dem Halsband ertragen, sondern müssen am Geschirr geführt werden. Völlig gedankenlos wird also sehr viel Schaden an der Hundeseele angerichtet. Wir haben schon öfter berichtet, dass wir immer und immer wieder versuchen die Arbeiter in solchen Einrichtungen darüber aufzuklären.

Kenai ist also eine solch traumatisierte Seele. Er ist körperlich genesen, hat eine schwere Ehrlichiose überwunden, seine Beinverletzung ist abgeheilt, er hat ordentlich zugenommen. Doch Kenai bleibt versteinert, unfähig sich zu freuen und Anteil am Leben zu nehmen. Es bricht einem fast das Herz ihn Tag für Tag so zu sehen. Man möchte ihn schütteln und aus seiner Erstarrung lösen. Man möchte ihm versichern, dass die Vergangenheit weit zurück liegt und ihm das alles nicht mehr passieren wird. Gleichzeitig ist da die große Wut darüber, was wir Menschen unseren Mitlebewesen antuen und wie gedankenlos wir bleibenden Schaden anrichten.

Die Sinnlosigkeit des ganzen Systems, des Einfangens von Hunden, nur um sie anschließend zu Töten oder bis an ihr Lebensende unter nicht tolerierbaren Verhältnissen zu verwahren macht fassungslos. Anstatt endlich dort anzusetzen, wo das Problem entsteht, bei der Geburtenkontrolle!

Nun ist Kenai aber da. Er scheint vergessen von der Welt, ist unsichtbar, macht uns keinerlei Ärger. Er leert seinen Napf, huscht ab und an von einer Ecke des Zwingers in die nächste. Doch was für ein Leben ist das? Wird er sich jemals öffnen? Ich möchte ihn mit dem Schwanz wedeln sehen, möchte, dass sich sein Gesicht entspannt und er anfängt zu lächeln. In den letzten Tagen habe ich etwas Hoffnung, dass er dies schaffen wird. Er kann sich etwas entspannen, wenn wir ihn streicheln. Und ich habe beobachtet, wie er heimlich Interesse an seinen beiden kleinen Mitbewohnerinnen im Auslauf gezeigt hat. Ein wenig Leben steckt also in ihm. Drücken Sie uns und ihm die Daumen, dass Kenai die Vergangenheit abschütteln kann!

Kenai ist einer von unzähligen, die grausames in den öffentlichen Sheltern erleben. Er ist einer der Überlebenden, sehr viele andere überleben nicht. Kenai wurde gesehen, er bekam eine Chance. Viele andere bekommen diese Chance nicht.

Ich hoffe Kenai nutzt seine Chance. Für mich ist er ein Symbol für das Verbrechen, das tagtäglich in Rumänien geschieht: Das Einfangen und Verwahren von Lebewesen unter unwürdigsten Bedingungen. Ohne das Problem der Straßentiere zu lösen. Gefördert jedoch durch Millionenbeträge, die in den falschen Taschen landen!

Ich bin froh, dass aktuell große Bewegung in dieses Thema gekommen ist und danke jedem, der in diesen Tagen aktiv geworden ist und gegen dieses Unrecht aufsteht.

Kenai, steh auch Du auf, schüttel dich und laufe, Du bist in Sicherheit!

Nina Schöllhorn