Nemedi - von Engeln und Menschen

Ein Bericht von Nina Schöllhorn | Tierärztin

Wie lange hatte ich dort wohl schon gelegen? Es wurde mehrmals hell und dunkel in der Zeit. Alles war verschwommen, kalt und überall war ein pochender, lähmender Schmerz. Ich konnte nicht richtig sehen, hörte nur den Lärm der vorbeirauschenden Fahrzeuge. Ich konnte mich auch nicht erinnern, was genau passiert war. Nur eins wusste ich noch:

Ganz plötzlich war mein altes Leben vorbei gewesen. Bisher war meine Welt sehr klein. Es gab eine alte Hütte, eine Kette und zwei Blechnäpfe. Manchmal waren diese gefüllt. Oft nicht. Meine Menschen waren - glaube ich - unzufrieden mit mir. Vielleicht hätte ich mehr bellen sollen. Ich glaube, ich war kein guter Wachhund. Aber ich war einfach zu jedem freundlich. So bin ich eben. Vielleicht haben sie mich deshalb loswerden wollen und mich an dieser Straße ausgesetzt. Ich wusste nicht was ich dort tun sollte. Ich kannte doch diese große Welt gar nicht. Meine Hütte war nicht da und auch meine Blechnäpfe nicht. Was sollte ich da tun? Ich bin einfach losgelaufen und ich war wohl nicht vorsichtig genug, denn da waren große Hunde vor denen ich mich erschreckt habe und da waren die großen Autos. Ich glaube, so ist es passiert.

So lag ich dort - sehr lange. Ich konnte nicht aufstehen, irgendetwas stimmte mit meinen Hinterbeinen nicht. Ich konnte auch nur sehr verschwommen sehen und außerdem war ich gelähmt vor Schmerzen. Je länger ich dort aber lag, desto schlimmer wurde es. Denn ich hatte entsetzlichen Durst und auch der Hunger wurde immer schlimmer. Ich merkte wie die Kraft immer mehr aus mir wich und mein Körper immer schwächer wurde. Ich wusste, dass ich es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen konnte. Aber wer würde mir schon helfen? In den Nächten war es so kalt, dass ich sogar schon dachte, es ist so weit und ich wache nie wieder auf.

Irgendwas in mir sagte aber, gib nicht auf, halte deinen Kopf aufrecht. Lass den Kopf nicht sinken. Das tat ich auch. Mit letzter Kraft.

Da hörte ich eine Stimme. Ich erschrak so sehr, dass ich kurz überlegte ob ich beißen sollte, dabei hatte ich das noch nie zuvor getan. Doch die Stimme sprach so sanft zu mir, dass ich glaubte, vielleicht schon gestorben zu sein und es ein Engel war, der mich davon trug. Ich liess es einfach zu, dass ich mitgenommen und in ein Auto gelegt wurde. Es war sehr weich dort, warm und ich bekam sofort Wasser angeboten. Ich trank den ganzen Napf, so schnell ich konnte. Dann gab es ein bisschen Futter. Es war das beste Futter, das ich je gegessen hatte. Oder es schmeckte nur so gut, weil ich solch großen Hunger hatte. Es musste ein Engel sein, denn wer sonst konnte wissen, was ich mir in diesem Moment am allermeisten wünschte.

Wir fuhren lange so dahin und ich schaute sie die ganze Zeit an und sie sprach sehr viel mit mir. Sie erzählte mir, dass sie sehr sehr froh sei, mich gefunden zu haben und dass sie mich nur gesehen habe, da ich meinen Kopf hochgehalten hatte, ansonsten hätte sie mich in dem Gestrüpp gar nicht sehen können. Sie versprach mir, dass alles gut werden würde, dass die Schmerzen weniger werden würden und dass es ab jetzt immer genug zu fressen geben wird. Sie erzählte mir auch davon, dass sie extra für uns Hunde, um die sich sonst keiner kümmert, da sei, dass das ihre Aufgabe ist, solchen wie mir zu helfen. Sie erklärte mir auch, dass es viel zu viele von uns gäbe, viel zu viele Hunde, die keiner mehr haben will und die daher ein schwieriges, leidvolles Leben haben. Sie sagte auch, dass sie zum Glück aber nicht die einzige sei, die diese Aufgabe habe. Es gibt da noch einige mehr, sie alle arbeiten in verschiedenen Ländern, überall dort, wo sie dringend gebraucht werden. Sie helfen denen, die krank, verletzt und alt sind, denen, die keiner mehr haben will. Während ich immer müder wurde, sah ich sie vor mir, all die Engel, die unterwegs sind, um uns verlassenen Hunden zu helfen. Ich schlief einen langen, erschöpften Schlaf und als ich aufwachte, waren die Schmerzen etwas besser, mein Hunger und Durst waren gestillt, ich lag in einem weichen Bett und war ganz warm zugedeckt und ich hatte das Gefühl wichtig zu sein- das erste Mal in meinem Leben. Während sie mich besorgt und liebevoll ansah, fragte ich mich, ob sie vielleicht doch gar kein Engel war, sondern ein Mensch. Doch es spielte keine Rolle, denn ich spürte, dass alles gut werden würde. Ich vertraute ihr. Und so schlief ich erleichtert wieder ein.

Sie kam immer wieder und schaute nach mir, sie brachte Futter, half mir zu trinken und mich etwas aufzurichten, sie brachte Wärmflaschen und stets sprach sie zu mir und ich glaube, das war es, was mir den Willen gab nicht aufzugeben. Denn trotz ihrer Hilfe waren die Tage nicht leicht. Meine Schmerzen waren sehr schlimm und ich sah in ihren Augen, dass es nicht gut um mich stand. Meine Verletzungen waren sehr schwer und so verlor ich sogar den Appetit. Doch dann dachte ich mir, dass ich schon so viel ausgehalten hatte und so großes Glück hatte gefunden zu werden und jetzt alles geben musste, um zu überleben. Denn ich wollte darüber sprechen, was ich erlebt hatte, dass mir ein Engel begegnet war und es noch mehr solcher Engel gibt. Ich wollte die anderen Hunde wissen, lassen, dass wir sehr wohl von Bedeutung sind, und dass es Hoffnung gibt.

Inzwischen sind ein paar Wochen vergangen und ich bin zu Kräften gekommen. Ich mache kleine Spaziergänge durch den Garten und genieße jeden Sonnenstrahl den ich finden kann. Mein Körper kommt zu Kräften. Meine Beine sind nicht in Ordnung und ich werde operiert werden müssen, so sagt sie, um mir eine schmerzfreie Zukunft zu ermöglichen. Ich freue mich über jeden Menschen, der mir begegnet. Doch wenn ich sie sehe, dann lache ich und fange ein bisschen an zu tanzen, trotz meiner kaputten Beine.

Ich glaube inzwischen, dass sie gar kein Engel ist, sondern vielleicht ein ganz normaler Mensch. Und dass die anderen, von denen sie erzählt hat, die auch uns Tieren helfen, ebenfalls Menschen sind. Das ist ein schöner Gedanke, denn durch mein altes Leben hatte ich bisher keine besonders gutes Bild von Euch Menschen. Doch seit dem Tag, an dem sie mich fand, sind mir nur noch nette, liebevolle Menschen begegnet. Daher möchte ich meine Geschichte erzählen, um zu sagen, dass es sich immer lohnt zu kämpfen und an das Gute im Menschen zu glauben. Und ich möchte allen danken, die diese Engel oder Menschen dort draußen unterstützen, denn sie hat mir verraten, dass sie nur helfen können, weil sie von ganzen vielen anderen lieben Menschen unterstützt werden.

Ich habe mein Weihnachtsgeschenk dieses Jahr ein wenig zu früh bekommen. Es war mein neues Leben - überreicht von einem Engel oder einem Menschen. Welche Rolle spielt das schon?

Ich wünsche allen Hunden und allen Menschen Frohe und glückliche Weihnachten!

Danke.
Euer Nemedi