Silvester

Manche Schicksale werden mir auf Ewig in Erinnerung bleiben. Silvester ist eines von ihnen.
Er kam in einem Zustand, so wie sie halt alle aussehen, die unsere Station betreten. Dünn, ohne Haare, voller Haarbalgmilben, verkommen. Und krank.
Ich lauschte mit einem Ohr den Beschreibungen der Dame, die ihn zu uns brachte. Ein Animal Horder, der es wohl gut meinte, hatte viel zu viele Tiere und verlor dabei den Überblick. Bei dieser Beschreibung habe mich charmant und zurückhaltend ausgedrückt. Silvester war wohl der, den es am schlimmsten erwischt hatte. Also her damit.


Nun hockte ich ihm gegenüber und alle Beschreibungen hätten nicht den Eindruck hinterlassen, den dieses arme Kerlchen ausstrahlte. Er saß vor mir und zitterte. Ich schaltete den Rotlichtstrahler an und freute mich, Silvester in unserem 5 Sterne Hundehotel willkommen heißen zu dürfen. Da wo er herkam gab es nichts als Betonboden, leere Näpfe und die winterliche Kälte, die auf Kreta auch ganz schön brutal zuschlagen kann. Erst recht ohne Fell und damit ohne Schutz. Hier gab es Wärme, ein Körbchen, weiche Decken und sauberes Wasser.  Sein Futternapf stand natürlich auch schon parat, aber Silvester traute sich nicht ran. Ohne viel Fantasie war mir klar, dass er sich sofort darüber her machen würde, aber da hockte ja noch ein zweibeiniges Wesen vor ihm, das auch noch so einen komischen Kasten in der Hand hielt.


Melanie war inzwischen gekommen, um ihm Blut abzunehmen, was gefühlte 10 Stunden dauerte, da wir dies bei einem neuen und dann auch noch verängstigtem Gast mit völliger Ruhe machen. Aber es muss sein, da wir wissen wollen, wer in ihm einen Kampf gegen ihn und damit auch gegen uns führt.
Nachdem das dann auch glimpflich vonstatten ging, hielt Melanie ihm einen Futterbröckchen als Belohnung hin. Genau in diesem Moment drückte ich auf den Auslöser und es entstand eines der eindruckvollsten und aussagekräftigsten Bilder.


Die Zeit danach glich auch der, der anderen Patienten, die uns begleiten. Man kann fast die Uhr danach stellen, ab wann ängstliche Tiere das erste Mal aus dem Innenbereich ihres Zwingers herauskommen. Dann stehen sie zuerst unsicher am Zaun und nach weiteren Wochen wird man mit freudigem Gebell empfangen und aufgefordert bei der Futterzubereitung ein bisschen mehr Gas zu geben. So vergingen Monate und Silvster´s Fell kam zurück. Als ich Wochen später erneut nach Kreta reiste, fragte ich, was das denn für ein neuer Hund in Zwinger 2 ist. Silvester hatte sich prächtig erholt. Das führte dazu, dass sich eine Praktikantin in ihn verliebte und heute sind die beiden unzertrennlich.
Den aktuellen Bildern ist nichts hinzuzufügen.

Thomas Busch