Anuk

Ein Versprechen

Ich möchte euch die Geschichte von Anuk erzählen.

Während unserer Arbeit treffen wir auf unfassbar viele Tiere.
Meist sind es nur wenige Minuten, die wir teilen, es sind nur kurze Blicke, die gewechselt werden und wenige Berührungen. Der Weg von uns und unseren Patienten kreuzt sich. Zeit, um jede einzelne Persönlichkeit kennenzulernen, bleibt oft nicht, denn meist arbeiten wir unter Zeitdruck. Am Ende des Tages zählt, wie viele Operationen stattfinden konnten. Wir möchten so vielen Tieren wie möglich helfen.
Das ist nicht mit allen so. Da gibt es nämlich noch die, denen man länger in die Augen schaut, die, die mehr Hilfe brauchen, die, denen man entgegen jeder Professionalität, plötzlich ein Stück zu viel von seinem Herzen schenkt. Das sind dann die, die einem in ganz besonderer Erinnerung bleiben, Tiere mit denen sich der Weg nicht nur kreuzt, sondern mit denen man ein Stück gemeinsam geht. So war das mit Anuk und mir.

 

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die mich in dieser turbulenten Zeit unterstützt haben. Insbesondere meinen Eltern und Valerie, für die große Hilfe bei der Betreuung von Anuk. Lulu, für die vielen Stunden Krisensitzung. Danke für dein Verständnis, Nina. Steffi, vielen Dank, dass du mein Versprechen weiterführst!

Die Geschichte begann in Rumänien. Ich begleitete Nina Schöllhorn bei einem Einsatz.
Eigentlich waren wir nur in Bals in Südrumänien um zwei Hunde abzuholen. Beiläufig wurden wir gebeten, doch nochmal bei einem bestimmten Parkplatz vorbeizuschauen. Da lägen seit einigen Tagen zwei schwerverletzte Welpen. Einer der beiden sei bereits gestern verstorben.
Sofort haben wir die beschriebene Stelle aufgesucht.
Schon aus dem Autofenster haben wir sie entdeckt. Als ein kleines, elendiges, völlig entkräftetes Häufchen kauerte sie dort. Ein drei Monate altes Baby, allein, hoffnungslos und völlig ausgeliefert, inmitten eines eisigen Meeres von schwarzem Asphalt. Ihre Wunden waren tief und stark infiziert, der Geruch von Eiter stieg uns in die Nase. Diese Qualen machte sie schon eine Weile durch, denn die Wunden waren nicht frisch. Sie war mit ihren Kräften am Ende, schlapp hing sie in Ninas Händen. Natürlich nahmen wir sie in unsere Obhut.
Auf dem Weg nach Hause stellten sich uns viele Fragen. Was ist diesem kleinen Wesen wohl widerfahren? Wie konnten alle vier Pfoten bis auf die Knochen aufgerissen sein, der restliche Körper unversehrt? War es ein Unfall? Wie lang ist es her? Wo ist die Mutter? Was wäre passiert, wenn wir heute nicht zufällig hierher gekommen wären? Fragen, die uns leider niemand beantworten konnte. Die einzig wichtige Antwort darauf formulierten wir selbst: Sie wird es schaffen!
Zuhause reinigten wir die Wunden, die Läsionen gingen tief, auch die Bakterien waren bis in die Gelenke vorgedrungen. Hoffentlich können unsere Antibiotika sie vor einer Blutvergiftung bewahren. Wir packten ihre Beinchen in Watte und verbanden sie. Schmerzmittel konnten ihre höllischen Schmerzen etwas lindern.
Nun galt es, die nächsten Tage und Wochen Daumen zu drücken, fleißig die Stiefelchen zu wechseln, Flöhe zu verjagen, mampfen, denn Essen ist ja bekanntlich, neben Schlaf, die beste Medizin und natürlich kuscheln. Jede freie Minute habe ich neben unserer täglichen Arbeit, die natürlich weiterlief, genutzt, um der kleinen Liebe zu schenken und sie an menschliche Nähe zu gewöhnen. Sie genoss sichtlich die Sicherheit und Zuneigung, während sie sich abends in meinen warmen Schoß kuschelte und völlig erschöpft in einen friedlichen Schlaf fiel.
Ich bin sicher, es war genau einer dieser Momente, in dem es passiert ist, in dem ich dieses Stück meines Herzens zu viel verschenkt habe, um sie wieder loszulassen.
Anuk – ich möchte dir ein Zuhause in Deutschland schenken, ein sicheres Zuhause bei mir, an meiner Seite! Ich wusste, es ist verrückt, aber die Umstände in Rumänien haben mich jegliche Vernunft vergessen lassen.

Leider musste ich vorerst ohne sie zurück nach Berlin fahren, denn mein Semester an der Uni hatte bereits begonnen und ihr fehlten noch die für die Ausreise notwendigen Impfungen und Papiere. Auch ihre Wunden waren noch nicht verheilt. Nach
fünf langen Wochen war es dann endlich soweit. Anuk war bereit für die lange Reise, bereit für ihr neues Leben. Ich fieberte dem Tag entgegen wie ein Kind Weihnachten.

Nervös stand ich am Treffpunkt, als der rumänische Transporter einfuhr. Die Ladefläche gefüllt mit Hundeboxen. Viele der Gesichter, die mich unsicher durch die Gitterstäbe anschauten, erkannte ich wieder. Es waren einige unsere Patienten, denen Nina diese Reise in eine bessere Zukunft ermöglichte. „Nun trennen euch nur noch wenige Stunden der Ungewissheit von eurem neuen Zuhause in Sicherheit“, dachte ich. Glücksgefühle.
Ich entdeckte den mir besonders vertrauten Blick. Freudentränen stiegen mir in die Augen. Ich öffnete die Gitterbox und schloss meinen kleinen Schützling sehnsüchtig in die Arme. Wie vorhergesagt: Du hast es geschafft!

Anuk lebte sich erstaunlich schnell ein. Viel Zeit zur sanften Eingewöhnung blieb nicht. Der Alltag ließ nicht lange auf sich warten. Von der rumänischen Straße ins bunte Berliner Studentenleben. Von nun an war sie stets an meiner Seite und überall dabei.
Sie unterhielt die Leute in der S-Bahn, mischte den Friseursalon auf, sorgte für das ein und andere Chaos während der Besuche bei Freunden. In der Uni zeigte sie sich als vorbildliche Studentin. Ganz selbstverständlich hat sie es sich im Hörsaal an meinen Füßen oder auf meinem Nachbarstuhl gemütlich gemacht. Gelegentlich musste ein kleines „wuff“ ihrerseits, mit einem großen „hust“ meinerseits, gekonnt kaschiert werden, um nicht negativ beim Professor aufzufallen. Mein Mittagessen in der Mensa gab es von nun an draußen, im Dezember.
Zuhause genoss sie ihr Fünf-Sterne-deluxe Hundebett, sodass sie morgens oft die letzte war, die sich aus den Federn quälte. Die Acht-Uhr-Veranstaltungen hasste sie genauso wie ich.

Innerhalb kürzester Zeit war sie stubenrein. Für die letzten Malheure suchte sie sich ausschließlich besondere Örtchen. Der nicht aufgeräumte Pulli am Boden oder die Weihnachtsdeko meiner Mitbewohnerin. Solidarisch hat sie sich gern neben die Toilette gehockt, wenn wir diese selbst benutzten.
Ja, sie glänzte mit ihrer Cleverness. Nicht nur sie glänzte, auch der Boden der WG-Küche glänzte ab sofort. Liebevoll wird sie von allen der „Staubsauger“ genannt. Besonders nach dem Kochen war Verlass auf ihr eifriges Können.

Mit ihrem Witz und ihrem Einfühlungsvermögen hat sie alle Herzen im Sturm erobert und sich toll entwickelt.
Das Schwänzchen, das sich zu Anfang noch eng am Bauch, zwischen die Hinterbeine geklemmt, versteckte, stieg von Tag zu Tag weiter empor. Der verschüchterte Welpe entwickelte sich rasch zum stolz-kecken Teenager.

Was sich bis hier als vermeintliche „Bilderbuchgeschichte“ liest, erfährt nun ihren Wendepunkt. Leider kehrte in meinem Kopf von Tag zu Tag und Woche zu Woche die unverblümte Realität zurück. Bin ich dem ganzen gewachsen? Eigentlich wusste ich genau, was es bedeutet, einen Hund zu haben, denn erst zwei Jahre zuvor habe ich meinen Pepe, meinen besten Freund, verloren. Seitdem habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als wieder einen Vierbeinigen Begleiter an meiner Seite haben zu dürfen. Trotzdem erschlug mich nun die Verantwortung. Irgendwas fühlte sich nicht richtig an. Kann ich mich in meiner derzeitigen Lebenssituation so festlegen? Kann ich einem Hund ein Zuhause bieten, wenn ich doch selbst noch auf der Suche nach meinem eigenen bin? Wie kann ich Anuk eine sichere Zukunft bieten, wenn doch meine eigene noch sehr offen ist? Es gibt nur wenige Fixpunkte und einer davon ist, dass ich auch nach Beendigung meines Studiums viel im Ausland, als Tierärztin bei Einsätzen mit dem Förderverein Arche Noah Kreta e.V., sein werde. Schon jetzt merke ich, dass ich auf sehr viel Hilfe angewiesen bin und das wird sich perspektivisch nicht mindern. Kann ich als Bezugsperson immer ausreichend für Anuk da sein, ihr das sichere Zuhause für immer garantieren? Und vor allem, die wichtigste Frage: Ist es ihr gegenüber fair? Hat sie nicht eigentlich eine gesicherte Zukunft verdient? Das ist es doch, was ich ihr einst in Rumänien versprochen habe. Scheiße! Da hatte ich mich in ein großes Dilemma manövriert. Ein Kampf den ich während vieler schlafloser Nächte und einiger Tränen ausfechten musste: Herz gegen Verstand. Am Ende haben beide gewonnen.

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die mich in dieser turbulenten Zeit unterstützt haben. Insbesondere meinen Eltern und Valerie, für die große Hilfe bei der Betreuung von Anuk. Lulu, für die vielen Stunden Krisensitzung. Danke für dein Verständnis, Nina. Steffi, vielen Dank, dass du mein Versprechen weiterführst!

Denn nachdem meine endgültige Entscheidung feststand, ging plötzlich alles ganz schnell. Wie vom Himmel geschickt, hat sich über die große Archefamilie der Kontakt zu Steffi ergeben. Steffi ist selbst auch Tierärztin und war auf der Suche nach einem Hund wie Anuk. Sie hat sich sofort verliebt und schon ganz bald fand der Umzug statt.

Eine der ersten Nachrichten aus ihrem neuen Zuhause: Sie hat die Gartenparty der Nachbarn gestürmt und sich die Würstchen vom Grill geklaut – ihr geht es also prächtig!
Anuk hat mittlerweile einen anderen Namen bekommen. Sie scharwenzelt nun als Lotta weiter durchs Leben.
Noch oft denke ich an sie: Beim Staubsaugen der Küche, das wir jetzt wieder selbst machen müssen; wenn ich noch immer Haare von ihr an meinen Socken finde; wir uns Anekdoten dieser Zeit erzählen, über die wir mittlerweile alle köstlich lachen können oder mich ein aktuelles Foto von ihr erreicht.
Im Sommer habe ich sie auf einem Tierärztekongress in Köln getroffen. Die Wiedersehensfreude war unfassbar groß. Besonders schön war es, zu sehen, wie nun ihre Aufmerksamkeit vor allem Steffi gilt. Da hat sich ein tolles Team gefunden.

Das alles war eine wichtige Erfahrung für mich, persönlich und für meine zukünftige Arbeit im Tierschutz. Sie lässt mich nun diese Geschichte mit euch teilen. Es ist keine wie aus dem Bilderbuch. Dafür eine mit Happy End, so wie wir das mögen!

Danke meiner besondere Freundin Anuk/Lotta für unsere gemeinsame Zeit!