Daau

Während einer Kastrationsaktion im Osten von Kreta wurde uns letzten Sommer ein kleines Kätzchen vorgestellt. Sie war noch so klein, dass sie gerade mal eine Hand füllte. Ein Blick in ihre Katzenbox und es war klar, weshalb dies kleine Wesen unsere Patientin werden sollte: ihr rechtes Auge war ausgelaufen, das andere trüb, aber immerhin noch funktionsfähig. Was Katzenschnupfen alles anrichten kann sehen wir im Auslandstierschutz leider täglich.  
In solchen Fällen muss der Tierarzt abwägen, ob eine Narkose das Leben des Tieres gefährdet. Das Foto ist zwar nichts für schwache Nerven, aber wir heißen ja auch nicht Kuschelpool, sondern Tierärztepool. Demnach, und das haben Sie in unserem Jahreskalender wahrscheinlich zur Genüge kennengelernt, sind wir vorbereitet und kennen solche Fälle, bei dem dem einen oder anderen Leser wahrscheinlich schlecht werden würde.
Ich entschied mich für eine OP. Daau durfte also mit uns in die Station kommen und wurde gepäppelt. So richtig verstand sie allerdings nicht, dass wir es gut mit ihr meinten und bei jeder Ansprache zückte sie alle Waffen. Ein Wildfang, im wahrsten Sinne des Wortes.
Aber wie wir es schon so oft erleben durften, schwand jegliche Skepsis uns Menschen gegenüber. Ich entfernte die Reste des Augapfels und nähte die Haut zusammen. So ist die Eintrittspforte für Keime auf ewig geschlossen, nichts eitert mehr oder schmerzt. Daau´s linkes Auge behandelten wir konservativ mit recht gutem Erfolg.
Ab jetzt wandelte sich Daau von einem Kampftiger in einen Schmusetiger. Sie legte ihr kleines Köpfchen so hin, dass wir gar nicht anders konnten, als sie zu streicheln. Nach ihrer Heilung sollte sie wieder zurück auf die Straße. Wirklich? Und in diesem Fall sind wir die mit den schwachen Nerven.
Also klemmten wir uns hinter die Vermittlung. Fotos, Beschreibungen, Internet. Telefonate, Fahrketten… Ihre Augen-OP war dagegen ein Kindergeburtstag. Über mehrere Monate lebte Daau in unserer Station und bei uns zuhause in Deutschland bis sich endlich ein Licht am Horizont zeigte.
Für uns ist der Moment des Abschied nehmens immer der schwierigste. Die Aufnahme, die Beurteilung des Zustandes, die Untersuchung mit anschließender Diagnose und Operation… alles kein Problem. Da funktionieren wir perfekt wie Uhrwerke. Aber wehe, man muss sich wieder trennen. In dem Teich, den wir dann immer wieder füllen, könnten wir Goldfische züchten.
Aber die kleinen Stiche ins Herz werden, ähnlich eines Schrittmachers, zu Impulsen. Erst recht, wenn nach der absolut glücklichen Vermittlung fast täglich die schönsten Fotos oder Videos kommen, die beweisen, dass sich alles immer wieder lohnt. Gestern, heute und morgen.
Ihre

Dr. Melanie Stehle

Ihre Familie schrieb folgende Worte über sie:

Daau lebt nun fast schon 1 Jahr in unserer 5-köpfigen Familie, zu der auch 2 Hunde gehören. Sie hat die Herzen der Menschen im Sturm erobert! Keine unserer bisherigen Katzen waren so verschmust und anhänglich wie sie es ist. Zudem bringt sie alle zum Lachen, indem sie beispielsweise selbstorganisiertes Spielzeug (u.a. Wäscheklammern) über mehrere Etagen apportiert. Sehr selbstbewusst tritt sie den Hunden entgegen - wenn ihr das Hüten eines unserer Bordercollies zu viel wird, dreht sie den Spieß schon mal um und treibt ihn wütend mauzend vor sich her. Sie ist einfach ein Original und bereichert unsere Familie sehr!