Spaghetti

Bei manchen Tieren sieht man auf den ersten Blick, dass sie nie und nimmer böse sein können. Ich weiß gar nicht was das ausmacht. Ihre Augen? Ihre Haltung? Ihr scheuer Blick? Man möchte sie auf den Arm nehmen, an sich drücken und ihnen erklären, dass sie ab jetzt nie wieder Angst haben müssen.

Spaghetti war so eine Hündin.

In Trikala im Norden Griechenlands war der Einsatz in vollem Gange. Spaghetti wurde kastriert, als eine von Vielen wahrgenommen und anschießend zum Aufwachen in den Wellnessbereich getragen. Dort erhielt sie die obligatorische Pflege von Zahn- Augen- Ohrenreinigung bis hin zu einer neuen Frisur. Da sie an diesem Tag nicht wieder entlassen werden konnte, durfte sie bis zum nächsten Morgen bleiben. Und wer eine Übernachtung bucht, bekommt ein Frühstück. Und wer das verschmäht, wird beobachtet. In 99 % der Fälle ist es harmlos, aber Vorsicht ist die Mutter im Porzellanladen. Am Abend war der Hunger immer noch nicht da. Ich untersuchte sie, fand aber absolut nichts. Kein Fieber, keine Probleme mit der Narbe, keine blassen Schleimhäute. Mit einem Schmerzmittel verabschiedete ich mich bis zum nächsten Morgen von ihr.

Nun ist das „eine von Vielen“ ein guter Schutz, um an diesem Job nicht zugrunde zu gehen, wissen wir doch alle nur zu gut, dass das Leben „da draußen“ hart ist und oft seinen Preis fordert. Siehe dieser Kalender!

Der Einsatz ging seinem Ende entgegen und, egal ob ich es mir vornehme oder nicht, nach Tagen der absoluten Konzentration wird die eigene Seele zerbrechlicher und zerbrechlicher.

Spaghetti war mir diesbezüglich wahrlich keine Hilfe und als sie am zweiten Morgen immer noch nichts fressen wollte, wurde ich unruhig. Hatte ich etwas übersehen? Ich untersuchte sie erneut von oben bis unten und fand… nichts!

In der Zeit, die wir Mittagspause nennen, in der aber die eine Hälfte des Teams weiterarbeitet und die andere sich irgendetwas Essbares in den Mund steckt, um möglichst schnell wieder einsatzbereit zu sein, gab es Spaghetti. Als der Duft den OP erreichte, hob Spaghetti, die bis dahin noch namenlos war, den Kopf.

Nun wissen Sie, wie diese zauberhafte Hündin zu ihrem Namen kam. Von dem langweiligen Trockenfutter wollte sie nichts haben, die Prinzessin war besseres gewöhnt. Ruck zuck war der Napf leer.

In einer Phase am Ende meiner Kräfte reicht das Bild einer Spaghetti fressenden Spagetti und die Tränen rollen. Freudentränen. Peinlich genug, aber so ist es nun mal.

Und das, was ich mir die ganze Zeit nicht eingestehen wollte war die Tatsache, dass ich es nie und nimmer fertiggebracht hätte, diese Seele von Hund wieder auf die Straße zu setzen.

Als sie endlich fraß versprach ihr ins geheim, dass sie ab jetzt jeden Tag Spaghetti haben könnte. Erschrocken blickte ich mich um, als hätten die anderen meine Gedanken hören können. Und was sehe ich? Alle guckten so, als wäre ihnen Ähnliches durch den Kopf gegangen.

Spaghetti kam nach ihren Impfungen zu mir nach Deutschland. So ein zauberhaftes Tier habe ich selten bei mir beherbergt. Und Sie wissen, was ich ihr zur Begrüßung gekocht hatte?

Gemeinsam suchten wir ab jetzt eine neue Familie, denn das Weitervermitteln ist der Preis, den meine Patienten, aber auch ich, zahlen müssen, um möglichst Vielen helfen zu können.

Eine Dame, die die Arche schon länger beobachtet, verliebte sich in meine Spaghetti. Durchaus nicht außergewöhnlich, aber sehr schicksalsbehaftet, denn ihr Mann ist Grieche. Sein Heimatdorf: Trikala.

Und da er von Beruf Koch war, es also sicherlich verstand, die besten Spagetti der Welt zu kochen, waren meine Bedenken auch in dieser Hinsicht verflogen.

Ihre
Dr. Melanie Stehle