Tilda

Sie war nichts mehr als ein Bündel stinkendes, verklebtes Fell, das teilnahmslos in der Ecke lag, als wir uns das erste Mal begegneten. Sie teilte das Schicksal vieler Leidensgenossen dort. Städtische Tierheime sind nicht unbedingt der Ort an dem man als Hund landen will in Rumänien.

Manche Eindrücke, die ich mit meinen Mitstreitern in Deutschland teile, treffen dort auf ein offenes Herz und es kommt ein Antwort wie diese: „Nina, wenn Du eine Möglichkeit siehst, bitte tu was Du kannst, ich habe hier ein Plätzchen frei.“ So war es auch in diesem Fall. Es war Janina, meine sehr geschätzte Kollegin in Köln.

So nahmen wir also dieses bis auf die Knochen abgemagerte Häufchen Elend zu uns. Das Fell hing in verfilzten Fetzen an ihrem Körper, andere Stellen waren völlig kahl. Ein Vorderbein war nach einem bereits lange zurück liegenden Unfall deformiert und funktionslos- hier würde nur noch eine Amputation helfen können. Doch zunächst ging es darum sie aufzupäppeln und auf die Reise nach Deutschland vorzubereiten. Ihre Seele würde noch länger brauchen um zu heilen. Sie zeigte sich freundlich und geduldig, doch sehr vorsichtig im Umgang mit Menschen. Mit Sicherheit hatte sie gute Gründe hierfür.

Einige Wochen später hatte sich ihr Zustand stabilisiert und sie machte sich auf die Reise nach Deutschland. Dort wurde sie von Janina liebevoll in Empfang genommen und bekam alles an Pflege und medizinischer Betreuung was sie benötigte. Auch ihr Bein wurde amputiert und sie kam mehr und mehr zu Kräften. Sie fügte sich schnell problemlos in die Familie dort ein. Lernte Tagesabläufe kennen, lernte ihren Platz zu finden auf dieser Welt und geschätzt und gewürdigt zu werden. Doch es dauerte Monate ehe es ihr möglich war sich ausgelassen zu freuen, zu spielen und einfach das Leben zu genießen. Die Narben auf der Seele begannen zu heilen.

Heute genießt Tilda ihr Leben in vollen Zügen. Sie holt alles nach was sie jahrelang entbehren musste. Wenn es nach ihr ginge, dürfte gerne alles so bleiben wie es ist. Sie liebt Janina und den zwei- und vierbeinigen Rest der Familie, besonders den kleinen Sohn Arik. Doch Tilda soll ihre eigene Familie finden, denn es gibt noch so viele andere, die da draußen warten und Janinas Hilfe brauchen. Wir suchen daher Menschen mit Hundeerfahrung, die in der Lage sind mit Ruhe und Verständnis einen ängstlichen Hund zu führen. Nicht Mitleid, sondern eine selbstsichere Anleitung ist es was Tilda braucht. Gerade Hunde mit Unsicherheiten binden sich besonders stark an ihre Menschen und es ist eine große Freude zu sehen, wie sie aufblühen und sich entwickeln. Wir würden uns sehr freuen, Menschen zu finden, die diese Aufgabe gerne übernehmen möchten. Janina wird stets mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch wenn ihr Herz jetzt schon blutet bei dem Gedanken daran, Tilda irgendwann ziehen zu lassen.