Kiri

Ein kleines sonniges Katzenkind fegt durch unsere Krankenstation. Ungetrübt lässt sie die flauschigen Spielmäuse durch die Luft fliegen. Sie scheint es in keiner Weise zu interessieren oder zu belasten, dass eines ihrer Füsschen nicht ganz in Ordnung ist. Nur wir sind besorgt. Durch ein Trauma wurden ihre Nerven an der rechten Hintergliedmaße geschädigt und dadurch war ein physiologisches Auftreten des Füsschens nicht mehr möglich. Sie lief sich die Oberseite der Pfote wund. Unbeaufsichtigt werden solche Wunden größer und größer und öffnen sich auch bis zum rohen Fleisch. Manche Tiere reinigen diese Defekte, manche nicht, aber nie so, dass es ausheilt. Wie denn auch, denn das Primärproblem bleibt bestehen. Wir haben schon oft Maden in solchen Wunden gefunden, die langsam aber sicher tiefe Löcher in die Wunden fressen. Die tränenden Augen waren bei unserem Zwerg das kleinere Problem.
Unsere physiotherapeutischen Möglichkeiten vor Ort sind begrenzt und auch die Prognose bezüglich Heilung ist bei Nervenschädigungen mehr als vorsichtig zu stellen. Wie wir es uns schon dachten, machten uns die, um ihre Meinung gefragten, Spezialisten auf diesem Gebiet wenig Hoffnung, das Beinchen dauerhaft erhalten zu können. Dennoch wollten wir nichts unversucht lassen und wir entschlossen uns, Kiri mit nach Deutschland zu nehmen. Quasi in Einzelhaltung und in Reha, um optimal versorgt zu werden und um die klitzekleine Chance wahr zu nehmen, die vielleicht noch für eine Rettung der Gliedmaße bestand. Amputieren könnten wir später immer noch.
In meinem Badezimmer - wie schon so oft - wurde also die Reha-Abteilung aufgebaut und mein Sohn zu einem Masseur, Dehner und Strecker, Spieler, Schmuser… ausgebildet.
Fünf mal täglich Dehnübungen, fünf Mal täglich das Bein daran erinnern, dass es anderes zu tun hat, als hinterher geschliffen zu werden. Fünf Mal täglich dem Gedächtnis ein physiologisches Gehen einzuhauchen. Ein Neustart sozusagen.
Zwei intensive Wochen. Ein Achtjähriger gegen die Nöte einer Achtwöchigen. Beide nicht in der Lage, die Dimension des, in ihren Augen Spielerischen, zu erkennen. Beide hingen inzwischen mehr aneinander, als das Bein am Körper. Es richtete sich nämlich immer mehr auf. Zumindest die Pfote und um die ging es ja schließlich. Immer öfter setzte Kiri ihr Bein so auf, wie es sein sollte. Hoffnung keimte auf und animierte uns alle drei. Wir erhöhten die Frequenz der Massagen und der Übungen. Mein Sohn und Kiri die Spieleinlagen. Meine ganze Wohnung war inzwischen eine Rennbahn geworden.
Wo Kiri nachts schlief, können Sie sich vorstellen.

„Des einen Glück ist des anderen Leid“, so heißt es doch und kurzfristig war es auch so. Als nämlich der Abschied nahte - Kiri war inzwischen wieder völlig hergestellt - fielen wir in dieses typische „wir bleiben für immer zusammen, aber es geht doch einfach nicht - Loch“.

Unser Sonnenschein erhellt nun ein paar Dörfer weiter zusammen mit einer weiteren griechischen Freundin die Gemüter. Die beiden bildhübschen Griechinnen wurden zu „Fleckerl“ und „Dupferl“ umbenannt, was wahrlich passende Namen für die beiden sind.

Wir räumen dann die Spielsachen, das nicht benutzte Körbchen (sie schlief ja bei Samuel im Bett) das Katzenklo und die Futter- und Trinkschalen beiseite und trösten uns gegenseitig damit, dass es garantiert nicht lange dauern wird, bis der nächste Patient in der Tür steht.

Ihre Melanie und Samuel