Fussel

Sie war ein einziger Fellzottel. Grau anstatt weiß, übersät mit Rastalocken, die zu Knoten geworden waren und schmerzhaft festsitzenden dornigen Kletten.  „So kleine Wesen mit solch einem schnell wachsenden Fell gehören einfach nicht auf die Straße“ schoß es mir durch den Kopf. Schnell war klar, dass wir die kleine Maus kannten. Sie war vor einem Jahr bereits zur Kastration gebracht worden, ihr Tatoo am Bauch verriet es uns. Dennoch durfte sie unseren Nachsorgebereich für eine Schönheitspflege nutzen. Dies war das Größte für die kleine lustige Hündin. Miriam, meine Helferin, kämmte sie, befreite sie von all den Kletten und gab ihr Fürsorge. Miriam merkte, wie sehr die kleine Maus, die einem Fussel glich, ihre Streicheleinheiten genoss.  Fussel nutzte jede Gelegenheit, auf Miriams Schoß zu klettern, während andere Hunde mit Fellpflege an der Reihe waren. Sie hatte sich durch ihre süße Art das Privileg erschlichen, den ganzen Tag im „Wellnessbereich“ zu verbringen. Bis zu dem Zeitpunkt am Abend, an dem alle Tiere an einem gesicherten Platz für die Nacht untergebracht werden mussten. Dies bedeutete, dass für Fussel die kurzzeitige heile Welt wieder zusammenbrach. Angekettet auf einem Stück Wellpappe sitzend ohne einen Menschen wie Miriam… jaulend wie ein kleiner Wolf und unendlich unglücklich. Warum ich gerade in diesem Moment aus dem OP kam und diese Situation sah, weiß ich nicht mehr. Aber Fussel schaffte es, mich von einer Sekunde auf die andere zum Weinen zu bringen. Der Anblick löste eine so große Traurigkeit in mir aus, dass ich nicht anders konnte, als ihr ein Versprechen zu geben:  „Du musst nicht mehr zurück. Wir werden ein Zuhause für Dich finden. Fussel gehören nicht auf die Straße!“ „ Ist Dir etwas in die Augen gekommen?“ fragte Max, als ich wieder die OP-Türe hinter mir verschloss und der meine roten Augen bemerkte. „Ja, aber nur ein Fussel“, antwortete ich und stellte fest, dass ich im OP besser aufgehoben war als draußen.

Wenige Wochen später kam Fussel nach Deutschland zu ihrer neuen Familie, die ich inzwischen gefunden hatte und mich erreichten ihre ersten Fotos. Nicht eine Sekunde bereue ich meine Entscheidung, diesem Sonnenschein den Sprung in ein sorgenfreies Leben gegeben zu haben. Jedes einzelne Foto löst ein großes Schmunzeln in mir aus, denn der Schelm in ihr scheint stets vorhanden zu sein. Mach weiter so, denn genau so lieben wir Dich!

Melanie Stehle