Maira

Wie aus zerfetzten 3,5 kg 35 kg wurden

Schreie!
Nicht irgendwelche Schreie, sondern die, die einem durch Mark und Bein gehen.
Normalerweise folgt diesem Szenario eine Stille, die daraufhin weist, dass es vorbei ist. Endgültig vorbei. Das Leben ist ausgehaucht.
Nicht aber in einem Tierheim. Hier mischen sich unter das vermeintlich Panische hunderte von Kehlen, die einfallen in den Todesgesang.
Normalität kehrte in dieser Stunde erst langsam wieder ein.
Antonia und ich arbeiteten vor ungefähr einem Jahr mal wieder auf Rhodos. In dieser Zeit passierte es, aber bevor wir wussten, was genau vorgefallen war, hatten wir es eigentlich auch schon wieder vergessen. Alle Helfer rannten nach draußen, nur wir nicht, da wir die Verantwortung für das Tier mit dem offenen Bauch, welches wir gerade kastrierten, nicht unser Neugier wegen opfern wollten.


Warum die Tierheimleitung den noch atmenden kleinen Körper zu einem anderen Tierarzt brachte und nicht zu uns, wird uns wohl ein ewiges Rätsel bleiben.
Nun sind wir, sozusagen von Berufs wegen, schon recht oft nah dran am Tod, und deshalb vergaßen wir den Vorfall auch wieder. Irgendwas ist ja immer.
Wir hörten später nur, dass es einen kleinen Welpen erwischt haben sollte. In einem Tierheim, welches ich in meinem letzten Bericht bereits erwähnte, sind Beissereien leider keine Ausnahme.


Als ich spät am Abend aus dem Nebenraum etwas holte – was weiß ich schon gar nicht mehr – hörte ich ein leises Wimmern.
„Mein Gott, was ist dir denn passiert?“, rutschte es mir heraus.
Vor mir in einem dreckigen Käfig saß ein Hundebaby, das offensichtlich weinte. Sein ganzer Körper war übersät mit zirka fünf Euro großen Löchern. Im ersten Moment dachte ich, die Kleine hätte eine Decke über sich gezogen, die völlig durchlöchert ist. Dann aber erkannte ich, dass es ihre Haut war, die überall zerrissen war.
Antonia war neben mich getreten und legte mir ihren Arm auf die Schulter. Zu Zweit versuchten wir ihr Trost zu spenden. Irgendwie auch uns.
Am nächsten Morgen erfuhren wir, was dem Zwerg zugestoßen war. Erwachsene Hunde aus dem Nachbarkäfig hatten den Welpen gepackt und versucht, ihn durch das Gitter zu ziehen. So sah sie auch aus! Sie lebte dort mit ihrer Mama und fünf Geschwistern, die einfach im Tierheim abgegeben wurden.
Jetzt weinte der Zwerg aus zweierlei Gründen: erstens saß sie alleine in einem Käfig, ohne die Wärme und die Geborgenheit der Mama und der Geschwister und zum anderen plagten sie die höllischen Schmerzen.


Gegen die Schmerzen konnten Antonia und ich was machen, aber die geschundene Seele war so leicht nicht zu beruhigen. Solch schwere Verletzungen in diesem Umfeld… Antonia und ich waren uns einig, dass sie nur eine Chance hat, wenn…
Seitdem lebt Maira bei mir.
Hier könnte die Geschichte enden. Vielleicht noch mit dem HappyEnd einer schönen Vermittlung, aber nichts tat sich. Im Gegenteil. Niemand interessierte sich für einen Mischling, deren Herdenschutzleben an einem Drahtzaun ausgelöscht werden sollte.
Inzwischen ist es mir aber egal, dass sich bisher kein Mensch gemeldet hat. Meine Große ist mir sehr ans Herz gewachsen und sie ist ein Ruhepol und Friedensstifter in meinem Rudel geworden.


Umso mehr beunruhigte es mich, dass Maira nach längerem Liegen nur ungern aufstehen wollte. Auch ihr Gang hatte sich verändert.
Nach fast acht Jahren beim Tierärztepool bin ich mit vielen Fällen konfrontiert worden und habe mein Wissen stets vertieft. So war mir klar, dass nur ein Röntgenbild Klarheit schaffen konnte. Ein Termin in der Klink bei Dr. Wölk in Flensburg schaffte leider Klarheit. Erschütternde Diagnose: hochgradige HD (Hüftgelenksdysplasie).
Meine Welt brach zusammen. So eine junge Hündin. Ich hatte Maira doch nicht gerettet, wochenlang gepflegt und gehegt, damit mir jetzt ihre doofen Hüften einen Strich durch die Rechnung machten.


Was folgte waren Telefonate, Telefonate und Telefonate. Als feststand, dass Maira um eine Operation nicht herum kommt, wurde ich blass, als ich von den Kosten hörte.
„Ich fahre Taxi um das Geld zusammenzutragen, schlug ich Thomas vor,“ der in solchen Fällen auch nicht vor Begeisterung Purzelbäume schlägt.
„Wir finden ein Lösung“, beruhigte er mich.
Die haben wir nun: am 20.12. wird Maira in Düsseldorf bei einem Kollegen von Dr. Wölk operiert. Preislich kommt er uns netterweise sehr entgegen, aber um die € 2000,- wird es wohl kosten. Pro Seite. Aber zuerst machen wir die schlimmere Hüfte und mit viiiiel Glück reicht das schon.
Aber es gibt einfach keine Alternative. Ich rette doch nicht so eine kleine Seele um dann wegen einer deformierten Hüftpfanne meinen Schatz einzuschläfern zu lassen oder wieder leiden zu sehen. Da spiele ich nicht mit, egal was es kostet!
Wenn Sie also zukünftig ein Taxi an sich vorbeirauschen sehen, mit einem Aufkleber auf der Heckscheibe „Für Maira“, dann wissen Sie, dass ich das Geld noch nicht zusammenbekommen habe.

Ihre Sabrina