Der doppelte Bente

Glauben Sie an Schicksal?
Ich nicht. Oder vielleicht jetzt doch ein bisschen. Alles fing wie immer ganz harmlos an und fügte sich erst später zu einem großen Puzzle zusammen. Mir hätte am Anfang eigentlich schon klar sein müssen, dass Widerstand zwecklos war, aber...
Fest stand, dass ich keinen zweiten Hund haben wollte. Shoshoni, meine uralte Hündin, die einst aus Rumänien in schwer verletztem Zustand zu mir kam und meine kleine Tochter reichten mir. Außerdem plante ich, dass Penelope mit einem Geschwisterchen aufwachsen sollte. Nein, ein weiteres Tier in unserem Haushalt wäre zuviel.


Beginnen wir ganz vorne, so wurde mein Entschluss schon latent torpediert, als Penelope von Thomas bei einem Arche-Treffen, ganz auf den Tierschutz ausgerichtet, einen Stoffhund geschenkt bekam, der von da an zu ihren Lieblingsspielsachen gehörte. „Ok“, dachte ich mir, „ein Stoffhund sei genehmigt.“
Drei Monate später erreichte mich die Nachricht, ob ich einen Pflegehund mit drei gebrochenen Beinen aufnehmen und mich um seine Operationen kümmern könnte. Diesmal war es kein Stoffhund!
Mein Herz schlug schneller. Endlich konnte ich mal wieder nach meinem Mutterschaftsurlaub etwas für den Tierschutz tun. Außerdem ist die Geschichte von „Bente“ so herzzerreißend, dass ich stolz war ein kleines Rädchen in dem großen Mechanismus seiner Rettung sein zu dürfen.
Bente, gerade mal fünf Monate alt, wurde von Touristen in einer Schlucht auf Kreta gefunden. Sie entdeckten ihn per Zufall und riskierten bei der Bergung sogar ihr eigenes Leben. Stellen Sie sich vor, wie anstrengend es gewesen sein muss, einen 12 kg schweren Hund, der Schmerzen hat und unter Umständen nicht kooperativ ist, bei 30 Grad im Schatten eine steile Felswand hochzutragen und aus der Felsenfalle hinauszutransportieren. Stellen Sie sich bitte nicht vor, wer und wie man sich seiner, über acht Meter tief, entsorgt hat.
Weitere Stunden oder vielleicht einen Tag hätten sowieso über Bentes Schicksal entschieden.
Als Bente der Tierschutzorganisation vor Ort übergeben wurde, wandte sich diese an den Förderverein Arche Noah Kreta e.V. und Thomas telefonierte mit mir. Er war während des Gespräches emotional angeschlagen, denn sein Sohn Bente, hatte sich zeitgleich ebenfalls ein Bein gebrochen.
„Mach ihn wieder gesund“, hallte die zittrige Stimme von Thomas noch lange in meinem Ohr nach.
Nun blickten mich zwei riesengroße bernsteinfarbene Augen an, seine Rute bewegte sich langsam hin und her. Die schwerwiegenden Verletzungen schien er aber auszublenden.
Tapfer versuchte Bente II auf seinem Körper, der überall verbunden war, hinter uns herzurobben.
Penelope verstand den Ernst der Lage natürlich nicht. Aber sie verstand, dass da etwas lag, was ihrem geliebten Stofftier sehr ähnelte. Lange schauten sich die beiden an, dann blickte sie zu mir auf und sagte mit absolut klaren Worten: „Mama, mein Hund!“
„Verflucht“, dachte ich mit weichen Knien, „was ist wenn er es nicht schafft...“.
Penelope kniete aber schon längst wieder bei Bente und kraulte den großen flauschigen Kopf unseres neuen Hundebabys. Bente leckte ihre Hände. Von da an waren die beiden unzertrennlich.
Penelope half mit, seine Verbände mehrmals täglich zu wechseln, sie füttere ihn aus ihrer kleinen Hand und brachte ihm Wasser. Dafür zog er sich auf Bauch und Brust zu ihrem Kinderwagen, in dem sie noch ab und an einen Mittagsschlaf machte und bewachte sie.
Der Wunsch von Thomas, die Selbstverständlichkeit, mit der meine Tochter den Erfolg seiner Genesung sah und der unbändige Wille von Bente selber, leben zu wollen, zogen mich ziemlich weit runter. Ich schien die einzige zu sein, die seinen ernsten Zustand realistisch einschätzen konnte.
Nach dem Röntgen hatten sich meine Zweifel gefestigt. Es würde ein Marathon werden. Mit nur einer Operation war da nichts zu machen. Alleine beim linken Vorderbein waren beide Unterarmknochen gebrochen und ragten durch die Haut, eine stinkende Flüssigkeit entleerte sich auf dem Behandlungstisch. Hinten rechts sah es auch nicht viel besser aus. Mutlosigkeit machte sich in mir breit.
Jedoch weder bei Bente und schon gar nicht bei Penelope. Beide waren inzwischen unzertrennlich und immer noch hallte es in meinem Kopf: „mach ihn wieder gesund!“
Thomas Sohn Bente hatte seine OP bereits gut überstanden.  Mein Bente hatte sie noch vor sich. Mehrere...
Aber irgendwann wurden meine Zweifel weniger und gaben dem Kampfgeist nach. Es war wie damals. Es fühlte sich gut an, nicht aufzugeben, einfach nicht aufgeben zu können und ihnen die Chance zu bieten, die sie verdient hatten. Die Arche Chance – unser Kredo in Stein gemeißelt! Wie viele Tausend Male hatte ich es geschafft und gewonnen.
Auch diesmal würde ich alles geben. Für meine kleine Tochter, für Thomas und für alle Bentes dieser Welt.
Es tauchten wieder die Bilder vor meinem inneren Auge auf. Die leicht verstaubten Bilder, die fast zwei Jahrzehnte immer aufkamen, wenn ich ein Versprechen gab: eines Tages wirst du über grüne Wiesen toben und Deine Beine werden dich tragen wie der Wind.
Was folgte waren; Operationen, Wundheilungsstörungen, multiresistente Keime, Medikamentenunverträglichkeiten, Nierenprobleme. Bente lies nichts aus und forderte meine Erfahrung und die von unzähligen Kollegen, die inzwischen alle in diesen Fall involviert waren.
Zu Tiefzeiten machten Fieber und Appetitlosigkeit Bente massiv zu schaffen. Schließlich stellte er die Futteraufnahme komplett ein. Leberwurst und Co wurden genauso verschmäht, wie Gehacktes und Schweinemedaillons. Ich war mit meinem Latein am Ende. Einzig meine Tochter ließ nicht locker und hielt ihm immer wieder ein Futterbröckchen hin. Sie gab nicht auf. Ich glaube, er fraß nur deshalb zögerlich, um ihr einen Gefallen zu tun. Wahrscheinlich hätte er selbst Kieselsteine von ihr genommen.
So verging Woche um Woche. Schließlich verheilten seine Wunden. Aber Entwarnung war noch lange nicht gegeben.
Bente brauchte eine weitere Operation, von der mir jeder Knochenspezialist abriet. Die Prognose war ungewiss, vielleicht konnte er danach, wenn es gut lief, ein Jahr einigermaßen laufen, viel mehr würde es nicht werden. Jeder versuchte mich zu überreden, ihn gehen zu lassen, damit er später keine Schmerzen mehr spüren müsste. Momentan schützten ihn Schmerzmittel.
Emotional waren wir unter dem Tiefpunkt angelangt, nur Bente und meine Tochter wussten von alledem nichts und spielten munter miteinander weiter. Wir waren so weit gekommen, Bente konnte wieder laufen. Zwar nicht schön und er würde immer humpeln, aber das störte ihn nicht. Er war jeden Tag voller Elan, voller Freude, jede Spielaufforderung quittierte er mit Begeisterung. Er wollte leben, mehr als alles andere. Ein Blick auf meine beiden Zwerge genügte und in dem Gesicht meiner Tochter stand in Großbuchstaben und nicht zu überlesen, dass Aufgeben keine Option war. Sagte ich gerade: „MEINE beiden Zwerge...?“
So folgte nun hoffentlich die letzte Operation. Penelope nahm ich mit in die Klinik, damit sie versteht, wo Bente hingeht und dass er beruhigt einschlafen konnte.
Er lag, wie auch bei den Verbandswechseln, in ihrem Arm und ließ die Narkosevorbereitung brav und tapfer über sich ergehen.
Als er nach der Operation wackelig und noch halb narkotisiert, auf Penelope zutorkelte, riss sie sich von mir los und lief ihm entgegen. Ihre kleinen Arme schlangen sich um seinen Hals und ich hörte sie schluchzen: „mein Bente, meine Bente.“ Keiner Mutter dieser Welt bleiben dabei die Augen trocken und um weiter atmen zu können, musste ich mich wegdrehen. Bente legten wir vorsichtig in meinen Kofferraum und Penelope kroch sofort hinterher und wollte bei ihm bleiben. Nur mit Mühe konnte ich sie überreden, wieder im Kindersitz Platz zu nehmen.
Jetzt folgten Verbandwechsel über Verbandswechsel und ich glaube, ich habe nicht einen ohne Penelope gemacht. Sie erklärte Bente mit beruhigender Stimme, dass er stillhalten müsse und genau das tat er. War sie in seiner Nähe, erschien für ihn alles wie ein lange eingeübtes Spiel.
So auch das langsame Laufenlernen. Zuerst mit drei Beinen, dann schneller, dann mit dreieinhalb und wieder schneller. Inzwischen überholte er auch Penelope.
Es war das Zeichen, vor dem ich noch mehr Angst hatte, als vor seinen Operationen. Bente war wiederhergestellt und konnte in sein neues Zuhause umziehen. Ich hatte mit Penelope gefühlte Tausend Mal besprochen, dass er nicht für immer bei uns bleiben könnte und Penelope schien das auch jedes Mal zu verstehen.
Eine Tierarzthelferin aus einer befreundeten Praxis wollte ihn zu sich nehmen. Wir kannten uns schon lange und sie wusste über Bentes Zustand bescheid. Ein stündliches Besuchsrecht hatte Penelope ausgehandelt und so flossen beim Abschied kaum Tränen.
Leider hielt Bente ´s Glück nicht lange an. Die Tierarzthelferin musste einige private Tiefschläge einstecken und konnte Bente nicht das bieten, was wir uns alle für ihn gewünscht hatten.
Kurze Zeit später war er wieder bei uns.
Ob es Schicksal war, kann ich nicht sagen, aber seitdem ist bei beiden wieder diese Leichtigkeit zu spüren, die nur ein Kind mit einem anderen Kind erleben kann. Mit einem Hundekind.
Seit über einem Jahr leben die beiden nun miteinander. Einen ohne den anderen sieht man selten. Wo Penelope ist, ist auch Bente. Ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem er schlechte Laune hatte. Kein einziger Tag ist vergangen, an dem er nicht gespielt oder getobt hat und gerannt ist. Er liebt es durch Pfützen zu jagen, durch hohes Gras zu rasen, Stöckchen und Bälle zu holen.
Er geht locker zwei Stunden spazieren und hat danach noch die Energie, mit anderen Hunden zu raufen.
Er macht mit meiner Tochter Wettrennen und folgt ihr auf Schritt und Tritt.
Es war eine schwierige Zeit, eine emotionale Achterbahn, denn ich bin Tierärztin und keine Hellseherin. Und ja, ich gebe zu, manches Mal hatte ich große Zweifel, aber letztendlich hörte ich auf die innere Stimme einer Mutter. Aufgeben bei dem eigenen Kind geht einfach nicht. Und da Bente von Anfang an ja so etwas wie Penelopes Brüderchen war... Ich hatte also nie eine Chance.
Er hingegen ja.
Er lebt, weil Menschen nicht wegguckten und ihn nicht liegen ließen. Er lebt, weil viele Menschen an seiner Rettung beteiligt waren und daran geglaubt haben, Bente lebt, weil wir nicht aufgegeben haben. Bente lebt, weil wir nicht auf eine Expertenmeinung gehört haben, sondern auf unser Herz. Bente lebt, weil er sich in ein kleines Mädchen verliebt hat, die ihn in der Not fütterte und ihm diese Liebe tausendfach zurück gab.
Und er lebt, weil das Arche-Motto nie aufhören wird zu zählen: Jeder hat seine Chance verdient.
Eure Ines